Ukraine-Hilfe

Ein Reisebericht von SR-Reporter Pasquale d’Angiolillo

Unglaubliches entsteht, wenn Kräfte gebündelt werden! Wenn eigene Schwächen von Stärkeren aufgefangen werden und eigene Fähigkeiten eingesetzt werden, um Schwächere zu unterstützen und zu fördern. So könnte ich das „Gen“ der Frauen und Männer vom Freunde helfen! Konvoi beschreiben.

Was könnten die Menschheit alles erreichen, wenn sie ihre angebliche Intelligenz genau dafür einsetzen würde?! Zusammenhalten, anpacken und niemanden zurückzulassen. SidebySide eben!
Es wäre kein Platz mehr für archaische kriegerische Handlungen, Kriegsverbrechen, Leid, Elend und Armut.

Auf meiner Reise mit Nicole nach Kischinau lerne ich innerhalb einer Woche so viel Menschen kennen, die Mut machen. Mut, weil sie nicht nur an das Gute glauben, sondern alles dafür tun, gutes zu bewirken. Indem sie es „einfach“ machen.

Die Spendenbereitschaft ist überwältigend und so ist der erste LKW schnell gefüllt. Insgesamt zwei LKW werden im Saarland beladen und machen sich gemeinsam mit unserem Begleitfahrzeug auf den Weg. Ab Passau reisen wir mit insgesamt vier LKW weiter nach Moldawien. Die Fahrer haben mit vielen Problemen zu kämpfen – trotzdem spürt man, dass alle ein Ziel verfolgen – die Hilfsgüter sicher ans Ziel zu bringen.

An der Grenze Moldawiens erleben wir das, was wir in der EU nicht mehr kennen. Grenzkontrollen! Unangenehme Fragen werden gestellt – ein komisches, ungutes Gefühl kommt auf. Nicole und ich erreichen nach 48 Stunden und insgesamt fünf Stunden Schlaf unser Hotel in Kischinau. Die LKW müssen noch eine Nacht beim Zoll verbringen. Am nächsten Tag werden auch die vier Fahrzeuge mit den Hilfsgütern vom Zoll freigegeben und wir empfangen sie im Zwischenlager. Beim Abladen spürt man, wie von allen Beteiligten eine große Last abfällt. Eine emotionale, hochaufgeladen Stimmung liegt in der Luft. Mit Stolz, aber auch mit der ein oder anderen kleinen Träne, werden die Krankenhausbetten, medizinische Geräte und die Medikamente entladen. Nach getaner Arbeit geht es direkt wieder, mit einem guten Gefühl, zurück.
2200 Kilometer von Moldawien, über Rumänien, Ungarn und Österreich zurück nach Deutschland.

Wir, Nicole und ich, bleiben noch. Wir wollen sehen, für wen die Hilfsgüter sind und besuchen die Flüchtlingsunterkunft vom Round Table Moldova. Dort lernen wir Timothy vom RT Moldova und David von RT St. Pauli kennen. Aber auch Schicksale des Krieges lernen wir hier kennen. Frauen, Kinder, wenige ältere Männer; sie alle haben Söhne, Väter und Ehemänner in ihrer Heimat zurückgelassen. Plötzlich bekommt der Krieg viele Gesichter. Doch diese Menschen haben noch Glück – denn hier in der Unterkunft vom RT Moldova sind sie in Sicherheit, haben Essen und medizinische Versorgung.
Meine journalistische Neugier hat uns hergebracht. Erst jetzt wird mir klar was ich Nicole zugemutet habe. Ich sehe ihr an, wie sehr sie das alles berührt.

Wir bleiben noch einen Tag länger. Der Konvoi ist längst auf dem Weg nach Hause. Wir stehen in Palanca, an der moldawisch-ukrainischen-Grenze. Nicole, David Timothy und der neugierige Journalist. Wir schauen in Richtung Ukraine. Eine Zufallsbegegnung! Eine zwölfköpfige Familie kommt auf uns zu und bittet uns um Hilfe. Für Timothy ist klar, wir werden sie in die Unterkunft mitnehmen – keine Frage!
Neben uns werden kurze Zeit später sieben Menschen im Vito sitzen. Ein weiters Auto wird angemietet, um die komplette Familie mitnehmen zu können.
Als eine Mutter ihr Baby an Nicole übergibt, um ins Auto zu steigen, sehe ich in die Augen von Nicole, die das schreiende Baby in ihren Armen hält. Ein ungutes Gefühl kommt bei mir auf, nur wegen mir ist sie hier. Aber nun sind wir hier und gibt keinen Ausweg aus dieser Situation. Nach fast zwei Stunden Fahrt kommen wir in der Unterkunft an. Wir haben es geschafft!

Der Morgen danach – Nicole und ich sind startklar und wollen zurück ins Saarland. Aber nicht allein. Vor unserer Abfahrt holen wir Vlada, Natalia, die beiden Irina, Micha und die kleine Hündin Monica aus der Flüchtlingsunterkunft ab. 36 Stunden sitzen wir mit fremden Menschen im Auto und helfen ihnen vom Krieg zu flüchten. Sie vertrauen uns – Aber welche Wahl haben sie auch? Sie haben keine Alternative! Was für eine grausame Gewissheit. Auf der Fahrt schalte ich meine Kamera ein und spreche mit Vlada und Michael, die uns ihre Geschichte erzählen. Nicole fährt den Wagen. Ich spüre, wie sehr betroffen sie die Geschichten machen. Am späten Abend kommen wir in St. Ingbert an. Nur eine Nacht werden sie hier verbringen, um danach ihre eigenen Wohnungen zu beziehen.

Vlada, ihre Mutter Natalia und die blinde Hündin Monica leben inzwischen in Krefeld. Die beiden Irina und Micha leben nun bei uns im Saarland in einer privaten Wohnung. Wir kümmern uns bis heute um sie. Eigentlich wollte Nicole nur beim Packen des Konvois helfen. Eigentlich wollte ich nur eine Reportage über einen Hilfstransport aus dem Saarland Richtung Ukraine drehen. Eigentlich…

Mehr dazu auch in der ARD-Mediathek: Wir im Saarland – Das Magazin